Meine Geschichte

Mein Name ist Renate Wietschel, geborene Trutwin und das ist meine Geschichte:

Geboren, aufgewachsen, die Schule besucht, geliebt, geheiratet, Kinder aufgezogen  –  alles in 37  Jahren  im Prenzlauer Berg, einem typischen Berliner Arbeiterbezirk mit fünfstöckigen Mietskasernen , bestehend aus einem Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus und einem Hof, in dem fast nie die Sonne bis auf den Grund schien. Und darüber für 20 Pfennig ein viereckiges Stückchen blauer Himmel.

Ein Ort, den es so nicht mehr gibt.

Seit meiner Geburt 1935 lebte ich dort mit meinen Eltern in Berlin N 58, in der einstigen Hochmeisterstraße 28, die später in Husemannstraße 9  unbenannt wurde.

Wir bewohnten im Hinterhaus, 2 Etage, eine Zweizimmerwohnung, die nur die einfachsten Bedürfnisse erfüllte.
Doch meine Kindheitserinnerungen an diesen Kietz sind atemberaubend.
Unser Spielplatz war die Straße.

Das Spielen auf dem Hof und im Treppenhaus war „strengstens verboten“, vom nahegelegenen Wörtherplatz verjagte uns der Parkwächter, wenn wir uns außerhalb der eingefassten Parkwege bewegten.
Also blieb uns nur die wunderbare breite Hochmeistertraße – ohne Autos – und der Bürgersteig mit seinen Granitplatten, auf der wir HOPSE spielten.

Unseren Durst löschten wir an der alten, grünen, gusseisernen Pumpe, und hatten wir Hunger, kauften wir uns bei „Herings-Richard“ eine Tüte Sauerkohl und beim Bäcker“ fürn Jroschen“ Hefe, unser Ersatz damals für Eis und Bonbons.

Waren unsre paar Jroschen alle vernascht, blieb nur noch eine Möglichkeit, den Hunger zu stillen. Wir stellten uns einfach in den Hof und riefen lautstark: „Mamaaaah, schmeißt mir mal ne Stulle runter“!  Und binnen kurzer Zeit landete ein in Pergamentpapier eingewickeltes Stullenpaket mit einem Klatsch vor unseren Füßen.

Regelmäßig hielten zwei Pferdefuhrwerke bei uns in der Straße:  der Eismann, der aus großen Eisstangen kleine Würfel hackte und diese an Hausfrauen verkaufte und nach dessen Eissplitter wir Kinder reine weg verrückt waren, und der Brennholzmann, der seine Glocke schwang und lautstark verkündete: „Brennholz für Kartoffelschalen“.

Die zu Hause in Spankörben gesammelten Kartoffelschalen tauschten wir Kinder dann stolz in Brennholz um.

Später erkundeten wir im Kietz jenen geheimnisvollen Ort, der nur über eine hohe Mauer zu erreichen war – den alten jüdischen Friedhof.

Aber auch für einen Blick vom kleinen Wasserturm und aus der Kirchturmspitze der Segenskirche in der Schönhauser Allee auf unsere Welt riskierten wir damals so Einiges.

Doch eine noch stärkere das ganze Leben über andauernde Prägung ging von den in der Hochmeisterstraße lebenden Menschen aus.

In jedem Haus befand sich ein Laden zwischen Franseckystraße (heute Sredzkistraße) und Wörtherplatz  (heute Kollwitzplatz).

Husemann 9 – Eingang & Hinterhaus

Gleich 4  Lebensmittelläden. Dazu an 3 Ecken je eine Kneipe. Und an der 4. Ecke  „Herings-Richard“, der sein Fisch- Geschäft bis in die 70er Jahre erfolgreich führte.

Ein Zigarrenladen, eine Drogerie, ein Schuster, ein Kürschner, zwei Kohlenhändler, ein Seifenladen mit Wäschemangel, zwei Friseure,  eine Leihbücherei und der Gemüse- und Obstwagen von Walter Brummer, ein Original, der in Hans-Albers-Manier seine Kunden bediente und erfreute.

Sie alle kannten uns gut und merkten genau, wenn wir mal bei der Konkurrenz eingekauft hatten.

Der innere Kreis waren die Mieter in unserem Haus Nr. 28.

Sie stammten aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern und waren um die Jahrhundertwende auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen nach Berlin gekommen.

So wie auch meine Großeltern.

Nach der Schule flog zu Hause die Mappe in die Ecke und ab ging’s zu Besuch zwei Treppen tiefer.

Oft saßen dort schon andere Frauen, kochten, backten, strickten und unterhielten sich dabei über Gott und die Welt, ihre einstige Welt, die  Heimat, weit weg von Berlin.

Damals schon entstand  mein Interesse an  Familiengeschichten.

Heute liegen als Ergebnis meiner Ahnenforschung zwei Familien- Chroniken vor, die das Leben meiner Vorfahren und die meines Mannes beschreiben.

Familienforscherbegegnung mit Juergen Spoida nicht nur in der Oberschlesien-Liste, sondern auch LIFE in Biesow 2010

Hinzu kommen noch einige kurze familiengeschichtliche Beiträge , die neue Forschungsergebnisse beinhalten.

Da ich auf der Suche nach meinen Wurzeln oft das Glück an meiner Seite hatte, möchte ich mein Wissen auch mit anderen Familienforschern teilen.

Dank sagen will ich vor allen meinem Familienverband Lipinski(y) Poray  und den zahlreichen Forschern der Oberschlesien- und Niederschlesienliste für ihre Unterstützung bei meiner Familienforschung.

 

Biesow,  April 2011